namaskar_11/2010
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…ein versuch…
eingeschmuggelt.
dank, ro.
Berlin, 25.05.2010
Der nächste Mythos
Metall in 11000 Metern Höhe. 885 Kubikmeter vereinigtes Eigentum eines Königreichs: die Kabine einer Boeing 777 über Kandahar, gefüllt mit drappierter Mütterlichkeit in Uniform, ausgeklügelter Detailliebe in Plastik, unüberraschend männlicher Kompetenz im Cockpit und – Menschen. Drei mal drei Sitze, zwei Gänge: vor Business Strotzende, im Lonely Planet Blätternde, Pauschalreisende, die im Katalog ihre mit Knick und Kuli gekennzeichnete Hotelseite nochmals mental aufsaugen, bevor sie dem quälenden Moment der Wahl des ersten all inclusive-Drinks gegenüberstehen… gelähmte Flugängstler, nicht weniger unbewegliche Fremdkultur- und Klimafürchtende bei der Überlegung, ihr Moskitonetz bereits hier über sich zu stülpen… Heimreisende. Inder. Sikhs, Hindus, Jainas, Christen, Muslime, Agnostiker. Neugierige und Abgestumpfte. Wir schweben. Ziel ist das neuerdings neue Neu-Delhi.
„Willkommen in der größten Demokratie der Welt“: Indien.
Willkommen in Neu-Delhi, eines von sieben „bundesunmittelbaren Gebieten“, neben 28 Bundesstaaten, in dem Freiheit teilweise damit beginnt seinen Namen zu ändern; Willkommen auf über drei Millionen Quadratkilometern spiritueller Unabhängigkeit, bei 1,2 Milliarden Glaubensgetränkten Ayurveda-Profis, willkommen in der Natur, unter der Sonne, in der Harmonie, in dir selbst! Seien wir ehrlich: herzlich willkommen im eigentlichen Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
„Wenn es einen Ort gibt, wo alle Träume seit den ersten, da der Mensch zu träumen begann, eine Heimat gefunden haben, dann ist es Indien.“ Romain Rolland, Schriftsteller
Der Mythos lebt! Die Magie reißt nicht ab, nimmt ungeahnte Ausmaße an, sie wird bezifferbar – sie rentiert sich. Indien weiß um seine Traumhaftigkeit, vergibt gern zwei Millionen Touristenvisa im Jahr und reiht sich ein in die Maschinerien des zivilisiert klimatisierten Reisens, organisiert Wüstentrips in Rajasthan, Cocktail-Schlachten in Goa, Natursuperlative in Kerala, importiert artig Nutella, stampft Discounter namens „Big Apple“ aus dem Boden und lässt den traditionellen Rechen für die Produktion von Miniatur-Taj Mahals in Schneekugeln fallen.
Uns begegnet also diese Wand. Stick-Stoff. Rund um die Uhr sind wir an 78 Prozent Stickstoff in der Luft gewöhnt. Der Mensch ist genügsam, weniger als ein Drittel Sauerstoff reichen unserer Luft, um atembar zu sein. Diese hier hat weniger, oder eben mehr: an stickigem Stoff. Wir versuchen, krampfhaft unverkrampft zu atmen. Der Vorplatz des Indira-Gandhi-International Airports serviert das erste Indien, nach einer Schneise starrender Menschen, ausschließlich männlich: bestellte Taxi-, Rikscha-, Kleinbusfahrer, Väter, Söhne, Niedrigkastige. Es ist fünf Uhr morgens. Winter.
Einige steigen nur um, dürfen in schlichtestem, betont internationalem Ambiente zwischen Chai und Sandwich harren – auf Anschlussflüge in sämtliche, vor allem aber äquatornähere Ecken dieses „Mythos“. Ist Delhi das Ziel, geht es nach Norden. Im Süden wartet nur Land.
Indien hat 34 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern; Mumbais (ehemals Bombays) Bevölkerung übersteigt die ganz Australiens. Es werden mehr. Praktisch ein Land der Zellteilung. 1920 waren es 250 Millionen Inder, Mitte der 60er Jahre das Doppelte, 2000 abermals. Das Wachstum liegt bei 1,4 Prozent pro Jahr, die Prognose bei 1,7 Milliarden Indern im Jahr 2050. Ja, Indien wird menschenreicher. Als China. Grund zur Freude? Vielleicht wird es ein Eintrag im wunderbar sinnfreien Guiness-Buch der Rekorde, in der Sparte „menschliche Leistung“.
Platz ist genug.
Oder doch Grund zur Sorge?
Dreiviertel dieser Milliarden walten im Ländlichen. Bauern, Landarbeiter, Familien.
Zwischen Tradition und Moderne. Technologien, Kasten, Hilfe und Hilflosigkeit.
Zwischen 2003 und 2008 gab es mehr als 100.000 Selbstmorde unter der indischen Landbevölkerung. Sie flieht. Auch in die Städte.
Wir nehmen den Bus. Einen Bus, der unbestimmt an einer willkürlichen Stelle vor dem Flughafen parkt. Ohne Haltestelle, ohne Fahrplan. Nur ein wohlwollendes Augenpaar zwischen Mütze und Schal auf dem Fahrersitz. Noch ein anderes, als inoffiziell getarntes für den Kartenverkauf. 50 Rupien.
Ein erdtöniges Meer aus Decken über Körpern, neben Säcken, aufeinander. Geschäftige Solidarität magerer Schwarzhaariger, die dubiose Handelswaren in Lumpen von A nach B, dann doch C verfrachten, zumindest innerhalb dieses modernen, großfenstrigen Gefährts. Raum für okzidentales Gepäck bietet sich immer. Je heller der Teint, desto größer die Wahrscheinlichkeit, einen Sitzplatz zu beanspruchen. Anspruch nach Hierarchie.
50 Rupien für 30 Kilometer. Aktuell sind 56 Rupien ein Euro. Man spricht von einem Dollar pro Tag für die meisten Inder. Das wären eben knapp diese 50 Rupien. Pro Tag. Eine private Reinigungskraft verdient rund 700 Rupien pro Monat und Haushalt.
Dem statistischen Bundesamt zufolge lag das durchschnittliche Bruttoeinkommen eines Inders 2008 bei 1040 US-Dollar, 47 548 Rupien. Wer’s glaubt…
Indien ist eine aufstrebende Wirtschaftsmacht.
Zwei der zehn reichsten Menschen dieser Welt sind Inder. Und übergewichtig.
Mukesh Ambani, 53 Jahre alt, ist pro Jahr 29 Milliarden Dollar schwerer. Kaste: Vaishya: Händler, Kaufleute, Geldverleiher. Die dritte von vier Kasten. Ambani ist Vorstandsvorsitzender des größten privaten Unternehmens in Indien, Reliance Industries. Seit 1966 groß im Geschäft mit Erdöl und Textilien. Petrochemie: die Herstellung chemischer Produkte aus Erdgas und -öl.
Der zweite: Lakshmi Mittal, wird 60, hortet jährlich 28,7 Milliarden Dollar. Kaste: Vaishya. Sein Geschäft ist der Stahl.
Die Frage nach der Summe, die die beiden für ihren Aufstieg investieren mussten, wäre unter Umständen zu indiskret. Zwischen zehn und 30 Prozent „Handgeld“ einer verhandelten Summe ist jedenfalls „normal“. Aber dafür hat die Regierung glücklicherweise Antikorruptions-Agenturen eingerichtet.
Die Mittelschicht wächst. Über 200 Millionen hungern. Geschätzt ein Drittel der Bevölkerung, 320 Millionen Inder, überlebt mit weniger als zwei Mahlzeiten am Tag. Unterernährt, blutarm. Essen gibt es genug, nur leisten kann es sich keiner.
Der Morgen dämmert. Eine Stunde Jungfernfahrt im Bus beginnt. Sie wird relativieren. Keine Fahrbahntrennung. Bei drei Fahrrinnen also mindestens vier Transportmittel nebeneinander, versetzt, alternierend überholend, hindurchschlängelnd. Eine Bandbreite an Verkehrsteilnehmern: selbst Fahrradrikschas, ihre motorisierten Freunde, wie aus Industrienationen als ausgedient abgeschobene Autos, dem hier natürlichen Erscheinungsbild des Unfertigen oder Gebrauchten entsprechend – Beulen, Risse, Schrammen, Löcher, mit Abfallen drohende Teile – und natürlich Lastkraftwagen, die an Zirkusreisen erinnern: Lametta am Außenspiegel, Schriftzüge, Bilder, Fantasien auf dem Korpus und immer das „horn please“ am Heck. Eine unnötige Aufforderung. Jeder Inder scheint selbst auf seinem Nachttisch eine Hupe zu besitzen, weil er ohne nicht lebensfähig ist. Die Variation an Hupsignalen wirkt aberwitzig: lang, kurz, hoch, tief, schräg, dumpf, zaghaft (eher selten), vehement, beständig, abwechselnd, Naturerinnernd… eine Sache, an die sich unsere Ohren wohl nie gewöhnen werden. Keine Sekunde ohne Hupe. Ohne sie würde das System auf der Straße allerdings auch nicht funktionieren. Die Regeln, die wir so vorbildlich verinnerlicht haben, ersetzt hier das Gesetz des Tons. Inder fahren intuitiv und immer millimetergenau um, am, ja gefühlt über den Nebenmann hinaus zum Ziel.
Ampeln existieren seit kurzem – aber sie sind keine Institution, die wahrgenommen würde. An ein paar Stellen, ja – allerdings ist nicht auszumachen, welches Kriterium einer Ampel Autorität zuspricht.
Schlafende an Mauern, in Rikschas, überall vereinzelt, vor allem auf dem Mittelstreifen. Feuerstellen aus Müll, Hockende, die sich wärmen. Keine Gitarre, keine Gartenromantik, pure Existenz. Die Tempel sind geschlossen.
Lakshmi ist die hinduistische Göttin des Glücks, der Schönheit, Spenderin von Reichtum und geistigem Wohlbefinden, von Harmonie, von Fülle und Überfluss, Beschützerin der Pflanzen und vieles mehr. Sie ist die Gattin von Vishnu. Vishnu ist neben Shiva das meist verehrte Gottesbild im Hinduismus. Der Hinduismus erfährt, einer Religion entsprechend, häufige Wandlungen und wird, im Moment, in drei Hauptrichtungen praktiziert: Vishnuismus, Shivaismus, Shaktismus. Shakti ist die jeweils weibliche Form eines Gottes, die verehrt wird. Zum Beispiel Lakshmi.
Ob Lakshmi Mittal da in einer Pflicht steht? Oder mutiert er am Ende selbst zu einer Art Kapitalorientierter Reinkarnation Vishnus?
Indien beherbergt 80,5 Prozent Hindus, 13,4 Prozent Moslems (hauptsächlich Sunniten, hat dennoch die zweitgrößte Anzahl von Schiiten nach dem Iran), 2,3 Prozent Christen, 1,9 Prozent Sikhs, 0,8 Prozent Buddhisten, 0,4 Prozent Jainas und 0,6 Prozent andere, zum Beispiel Adivasi (die indigenen Völker) oder Parsen (gemeinhin Zarathustrier).
Neben heiligen Kühen, Samsara, dem Kreislauf vom Werden und Vergehen, sowie der Moksha, auch Erleuchtung, als Durchbrechen dieses Kreislaufs, pflegt der Hinduismus vor allem patriarchalische Familienstrukturen, ein Kastensystem, das nicht mehr und eigentlich doch die Gesellschaft bestimmt und – natürlich den Vegetarismus.
Ein Viertel der indischen Bevölkerung ernährt sich vegetarisch.
Da. Wir sind da. Wir sind Teil. In-di-en-de. Am Anfang war…
der Dreck; Licht; nichts. Zumindest kein Wort, kein Ei. Vielleicht der Mensch – oder, nein: Moskitos. Die erste Nacht unter rosa Netz – 8 Stunden römisches Bad. Im eigenen Schweiß. Schmorend aktivieren wir die Geister für den Tag nach der Nacht mit dem Bekämpfen des letzten Mückenmohikaners in unserem Kubikmeter Ruhestätte. Ein sonderbares Gefühl zu morden und danach das eigene Blut an den Händen zu haben. Egal – sie oder wir, das war die Frage.
In die Stadt. Mit Fahrradrikscha zur Metro. 20 Rupien. 2,6 Kilometer Ausgesetztsein: dem beklemmend offensichtlich höheren Status unserer Hellhäutigkeit, dem sekündlichen Kampf des schmächtigen Rikschafahrers, den Schlaglöchern, der intuitiv funktionierenden Verkehrstraube… wie paschaesk wir uns auf die aus Werbedrucken geflickten Plastikbezüge der Sitzfläche für zwei bemühen, dem Bild des menschlichen Kolbens vor uns ausgeliefert. Unentwegter Rhythmus, meist stehend, weil kraftvoller. Doch Manneskraft hat Grenzen. Bergauf. Er schiebt. Ich meine, er schiebt uns. Wir könnten laufen, wären genauso, wären schneller, täten was für unseren Körper und ersparten diesem Strich von Mensch den kleinen Krieg. Aussteigen, am liebsten raus. Aber nein – es ist ja gut. Hunderte von Rikschas ernähren unzählige hagere Leiber wie diesen mit dem Transport von Wohlgenährten, Gemästeten, bewusst Mageren, Kranken. Wir geben 25 Rupien. Ekelhaft.
Am (für uns gemeinhin) Heiligen Abend 2002 wurde in Neu-Delhi die erste Metro-Linie eröffnet. Seitdem, rasanter seit 2009 bekleckert die zweitgrößte Metropole Indiens sich mit Baustellen: U-Bahn-Linien, Sehenswürdigkeiten, Einkaufszentren, Bars, Shops, Konsum-Tempel. 2010 mobilisiert Kräfte, macht mutwillig Verstümmelte an touristischen Plätzen aggressiver, weil die Mafia hinter ihnen aggressiver wird. 2010 ist das Jahr des Gemeinwohls. Zwölf Tage Commonwealth Games im Oktober, das größte Sportereignis, das je in Neu-Delhi ausgetragen wurde. Zwölf Tage. Wettbewerb einer „losen Verbindung souveräner Staaten“, zum Beispiel Lesotho und Swasiland, neben Kanada und – of course – dem Vereinigten Königreich.
Zum Glück ist Indien seit 1947 unabhängig. Dank an dieser Stelle Gandhi, Nehru und Co.
Eine hypermodernisierte Blase, eine Welt für sich: die Metro. Zumeist unter Tage. Nur die Menschen, die Massen, erinnern an das, was über der Erde wahr ist. Wir fahren zunächst bis Rajiv Chowk, Connaught Place. Ein umzäunter, von Sicherheitspersonal bewachter und kontrollierter Park, um den herum sich ein Inner und ein Outer Circle voller Offerten für Fremde einen Namen machen. Hier trifft man sie alle: Hotels, Bars, Banken, Nike, Adidas, Subways, Barista, Gucci und Freunde.
Ameisen, wie mit Stadtplänen bestückte Ameisen sehen wir die Nationen wandeln, vom Schuhputzer zum Eiswagen. Gewirr von Angeboten, Feilschereien, Investitionen. Schnäppchen, die sich jagen. Aber klar – das Schönste, was man in anderen Ländern machen kann, ist ja bekanntlich einkaufen. Absurd. Wir riechen nach Geld. Wir riechen es selbst. Es widert uns an.
Systemgastronomie seit 1940. McDonalds hat Indien spät entdeckt. 1996 erst präsentierte das Wunder des schnellen Essens der indischen Ruhe sein System in einer Filiale. So lange konnte diese Dritte Welt sich hüten. Heute sind es 169 „McDoof“-Horte. Von Indern geführt. Die Homepage wirbt „as indian as you and me“ – „so indisch wie du und ich“.
Wie indisch sind denn du und ich?
Weiter bis zur Station „New Delhi“. Größter Bahnhof, New Delhi Railway Station. Ein temporärer Mikrokosmos, der Menschen in nicht enden wollende Züge mit a1-großen, vergitterten Fenstern auf meist mehrtägige Reise setzt und Ankommende mit Urin-, phenolähnlichen und weiteren unsäglichen Gerüchen begrüßt, für Unbestimmte Raum zu Schlaf, Dösen, Starren, Warten (auf was auch immer) bietet. Totally mixed: Kasten, Nationalitäten, Geschlechter, Alter, Hautfarben, Lautstärken, Sprachen, Hygienestandards. Gepäck. Eile. Ziele. Zeit…
Phenol ist ein Antiseptikum, ein ätzendes Nerven- bzw. Zellgift. Menschen, die in DDR-Schwimmbädern ihre Zeit verbrachten, sollte es ein Begriff, genauer Geruch sein. Eingesetzt als Desinfektionsmittel, auch gern in Bodenbelagsklebern. Wegen seines toxischen Charakters wurde es verboten. „Big Apple“ bietet es hier in 10-Liter-Kanistern zum Spottpreis.
Wir werden Moleküle des Flusses. Des einen von der Metro-Station über die Bahnsteigverbindende Brücke zum anderen Ausgang. Der andere strömt gegen uns, von: Paharganj, einem höchsttouristisch kontaminierten Viertel dieser Stadt, die eigentlich doch Dorf ist. Eine Einkaufsmeile. Main Bazar Road. Shop an Shop. Improvisation an Improvisation. Eine Mehrfamilienhaushohe, neverending Konsumgasse. Kühe, Mädchen, Delhi Police, Lonely Planets. Auf offener Strasse. „Which country?“ – wie ein Echo.
250 Meter überstehen wir wie gefühlte zweieinhalb Kilometer. German bakery. Das kann nicht ihr Ernst sein. Wir erwarten Schrecken, lateinisch „Terror“.
Indien ist, neben dem Nationalgetränk Chai (übersetzt Tee), berühmt für seine Kaffeekultur. Mittlerweile. Interessanterweise hat auch die bundeseigene Kaffeehauskette Cafe Coffee Day ihr erstes „Cafe“ 1996 eröffnet – wir erinnern uns an weltweit etablierte Schnellimbisse. Heute gibt es 915 überindividuelle Filialen in 135 Städten, die sich der rational funktionalen Versorgung zeitarmer, vor allem junger Menschen verschrieben haben. Zufluchtsorte für die getakteten Atempausen einer Selbst-bewussten Generation mit beständig überteuerten Produkten gleichbleibender Qualität. Gleichbleibend qualitätsfern ist eben auch gleich-bleibend.
Wir unterdrücken Unmut und anerzogene Furcht. Wir wagen den Schritt durch die Tür, dessen Glas „german bakery“ in Augenhöhe ziert. Der eigentliche Name: Appetitte Restaurant. Mit „roof garden“. Dachterrasse. Fünfter Stock. Zu Fuß. Geleitet von einem machtordnungsbewussten Mittzwanziger. Mit jeder Etage wächst die Neugier, das Staunen. Baufällig würde man es nennen. Fragmentarisch, indisch grün. Ein Wohnhaus. Kurios.
Oben. Angelangt. Ein Kleinod. Korbstühle, überdacht. Ein Waschbecken unter freiem Himmel. Mauerabschlüsse, die auf mehr warten. Pflanzen in Töpfen, gefangen. Wir eher frei, ich und mein indischer Part. Mit erhabenem Blick. Über das, was wir nicht kennen, wollen.
Es geht wohl ums Locken. Inder locken Deutsche. Deutsche locken Japaner. Japaner locken Australier. Australier locken Mexikaner. Mexikaner die Briten. Die Briten vielleicht die Irländer. Wettbewerb um Reisende.
Wir haben für unsere Welt 193 Staaten und zwölf weitere Territorien, bei denen der Status als „Staat“ umstritten ist, erschaffen. Wofür?
Na ja, woher will man sonst wissen, gegen wen man konkurriert, mit wem man Frieden schließt, wem man den Krieg oder die grundsätzliche Sympathie erklärt, woher das Obst und die Sportschuhe kommen, wo man Urlaub macht…
Die Tourismusbranche hat 2004 nach Angaben der Welttourismusorganisation Erlöse von etwa 623 Milliarden US-Dollar erzielt. Mit weltweit rund 100 Millionen Beschäftigten gilt der Tourismus als einer der bedeutendsten Arbeitgeber. Grenzüberschreitende Reisen machen 25 bis 30 Prozent des Welthandels im Dienstleistungsbereich aus.
Beschäftigung, Arbeit, Prozente. Handel, Erlöse, Grenzen. Erwerbsarbeit und Lohnarbeit: „Tätigkeiten, mit welchen der menschliche Lebensunterhalt bestritten werden kann“. Kann? Muss! Zwangs-Arbeit. Wie soll man denn sonst existieren? Wie leben?
Aber es gibt ja auch berechtigtes Fernbleiben: Mutterschaftsurlaub, Bildungs-, Sonder-, Erziehungsurlaub und natürlich Erholungsurlaub. Alles geregelt durch das Bundesurlaubsgesetz. Damit man es nicht übertreibt. Nicht, dass man noch da bleiben will, wo man urlaubt: unter Palmen, am Pool, mit so ganz anderen Leuten, die einem das Spezial-Rührei nach dem (endlich mal!) richtigen Ausschlafen kredenzen. Seele baumeln lassen, mal einfach bedienen lassen. Das ist Urlaub. Das ist ein Leben!
Worum geht es hier eigentlich? Geld? Money? Cash?
Urlaub ist staatsabhängig, Freizeit eine Konstruktion, und jeder ist sich selbst der Nächste. Aber wir sind ja nicht allein. Oder? Und Zeit haben wir auch.
„Der Mythos verbirgt nichts und stellt nichts zur Schau. Er deformiert. Der Mythos ist weder eine Lüge noch ein Geständnis. Er ist eine Abwandlung.“ Roland Barthes, Philosoph
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- 08/11/2010 / 7:46 pm
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